Selbsthilfe zum Selbstlektorat

Als Self-Publisher liegt die gesamte Verantwortung für meinen Roman in meinen Händen. Ich bin ganz allein dafür zuständig, dass mein Buch ein gewisses Maß an Qualität aufweist und ich hochwertiges Produkt an die Leser liefere.

Somit stellt sich während der Überarbeitungsphase unweigerlich auch die Frage nach einem Lektorat und/oder Korrektorat. Keine Frage, wenn ich meinem Roman etwas wirklich Gutes tun möchte, dann suche ich mir einen professionellen Lektor, und wenn die Chemie stimmt, gebe ich mein Manuskript in seine verantwortungsvollen Hände.

Dieser Service hat allerdings seinen Preis. Mit im Schnitt drei bis vier Euro je Normseite kommt ein schönes Sümmchen zusammen, das gerade bei Self-Publishern die wie ich, ganz am Anfang stehen, schnell mal das Budget sprengt.

Deshalb möchte ich heute ein paar Tipps zur Selbsthilfe beim Selbstlektorat zusammenstellen.

In einem früheren Artikel habe ich bereits über den Nutzen von Testlesern berichtet.

Vielleicht gibt es in eurem Bekannten- und Freundeskreis lesebegeisterte Deutschlehrer, Germanistikstudenten, Buchhändler, Sekretärinnen, denen beim Lesen ohnehin jeder Rechtschreib- und Grammatikfehler auffällt. Diese Menschen sind perfekt geeignet, für das Endkorrektorat. 🙂

Für meinen Roman habe ich einen zweifachen Weg gewählt. Ich lasse ihn zum einen von meiner Autorenfreundin Tanja lektorieren und lektoriere ich parallel dazu auch noch mal selber. Anschließend geht der Text an so viele Testleser wie möglich.

Wie gehe ich nun bei meinem Lektorat vor, auf welche Dinge achte ich?

Da es schlicht nicht möglich ist, in einem einzigen Durchgang auf alles zu achten, habe ich mir Schwerpunkte für die verschiedenen Durchgänge gesetzt.

1. Inhaltscheck

Im ersten Durchgang achte ich zunächst mal auf die inhaltliche Richtigkeit meines Textes.

  • Ist der Plot logisch und stimmig aufgebaut, oder gibt es sogar noch Plotlöcher
  • habe ich alle Fakten richtig recherchiert oder muss ich hier noch mal nacharbeiten
  • stimmt das Timing? Dies ist besonders wichtig bei parallel laufenden Handlungssträngen. Braucht meine Protagonistin vielleicht plötzlich drei Stunden, für einen fünfminütigen Fußweg, kommt nach dem Sonntag wirklich der Montag …
  • Wie ist es um meine Figuren bestellt? Handeln sie logisch und vor allem konsequent? Glaubt mir der Leser, dass meine Heldin den Schurken mit einem Faustschlag niederschrecken kann, oder schick ich sie lieber vorher zu einem Selbstverteidigungskurs?
  • Habe ich einen Spannungsbogen in meinem Roman? Wo befindet sich der Höhepunkt? Ist für den Leser eine Steigerung erkennbar?
  • Sehr wichtig: habe ich alle Fragen aufgelöst, alle begonnenen Geschichten auch beendet (es sei denn, ich möchte eine Fortsetzung schreiben) – Ich hatte zum Beispiel zu Beginn des Romans eine Figur „umbringen lassen“, aber komplett vergessen, am Ende auch aufzulösen, warum die Person sterben musste und wer der Täter war. Klar, ich wusste es, weil ich den Roman geplottet habe, aber die Leser wissen es ja nicht.

Einer meiner persönlichen Schwachstellen ist die Erzählperspektive, deshalb schaue ich mir jede Szene noch mal genau nur im Hinblick auf die konsequente Einhaltung an. Auf keinen Fall sollte sich die Erzählperspektive mitten in einer Szene ändern. Deshalb stelle ich mir immer wieder die Fragen: Welches ist gerade meine Perspektivfigur, wie viel weiß sie und was kann sie gar nicht wissen. Etwas anderes ist es natürlich, wenn ich mich für die auktoriale Erzählweise entschieden habe.

2. Sprache und Stil

Wenn inhaltlich in meinem Roman alles paletti ist, kann ich mich in einem weiteren Durchgang um die Sprache und den Stil kümmern

  • Jeder Autor kennt sie, die Füllwörter (wieder, dann, eigentlich, mitunter, sonst, natürlich, jedoch …). Nicht alle müssen weg, manche machen sogar Sinn und dienen dem Sprachrhythmus oder der Charakterisierung von Figuren innerhalb eines Dialoges, aber bestimmt 70 – 80 % von ihnen sind überflüssig.
  • Wie ist es um meinen Satzbau bestellt? Wechseln sich kurze und lange Sätze ab und ergeben einen schönen Rhythmus? Habe ich ellenlange Bandwurmsätze drin, die eh kein Mensch versteht?
  • Habe ich Lieblingswörter, die ich im Gebrauch überstrapaziere? Dann lieber noch mal im Thesaurus nach Alternativen nachschauen, um mehr Abwechslung in den Text zu bringen
  • Nominalstil? Habe ich viele Substantivierungen im Text, die ich doch besser durch starke Verben ersetzen kann? Substantive = statisch / Verben = aktiv, Handlung
  • mit den richtigen Verben kann ich ohnehin eine Handlung viel treffender zeigen (anstatt „leise sprechen“ „flüstern“ …)
  • liege ich mit meiner Zeitform richtig? Was geschah in welcher Reihenfolge, was gehört zur Vorvergangenheit? Eine sehr hilfreiche Seite, speziell auch für Grammatik und Zeitformen, ist canoonet
  • Wie nutze ich Adjektive? Inflationär oder zu einfach? – Adjektive sind nicht immer böse und schlecht, aber oft bietet sich ein sorgfältig ausgewähltes Adjektiv an, anstelle einer Häufung von drei oder vier Adjektiven hintereinander  – Mein Tipp an dieser Stelle ist der Ratgeber von Stephan Waldscheidt „Adjektive – gut oder böse?“

3. Rechtschreibung

Wenn ich und meine Testleser der Meinung sind, der Roman ist inhaltlich stimmig und auch sprachlich angenehm zu lesen, gibt es einen Extradurchgang für die Rechtschreibung. Verlasst euch dabei nicht auf die Rechtschreibprüfung in den diversen Schreibprogrammen. Sie sind gut und finden viel, aber nicht alles. Woher soll die Dudenprüfung wissen, ob ich Kirche oder Kirsche schreiben wollte, oder ob aus meiner Konstanze nicht doch eine Konstante im Roman wird. 😉

 

Ich habe auf jeden Fall noch ein gutes Stück Arbeit vor mir, bevor ich meinen Roman auf euch loslasse. 😉

Ich hoffe, ich konnte euch ein paar nützliche Tipps für die Überarbeitung an die Hand geben und freue mich über weitere Strategien und Anregungen in den Kommentaren.

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Warum brauche ich Testleser?

Nach langer Zeit möchte ich heute wieder vom Stand meines Romanprojektes berichten. Seit ich die fantastischen vier Buchstaben E N D E unter die Rohfassung gesetzt habe, ist eine Menge passiert. Zunächst einmal habe ich den Text ein paar Wochen ruhen lassen. Das ist wichtig, um Abstand zum Geschriebenen zu bekommen. Direkt nach Fertigstellung der ersten Fassung ist noch alles ganz frisch und bei der Überarbeitung kann es schwierig werden zu unterscheiden, ob wichtige Informationen wirklich auch auf dem Papier stehen, oder sich nur im Kopf des Autors befinden. Wenn man einen Roman schreibt, hat man logischerweise die komplette Story im Kopf, kennt alle Figuren in und auswendig, weiß zu jeder Zeit, welche Hintergründe sich hinter den einzelnen Szenen verbergen. Aber hat man das auch alles so aufgeschrieben, damit der Leser, der nicht in unseren Kopf schauen kann, der Geschichte folgen kann. Bekommt der Leser tatsächlich einen richtigen Eindruck vom Charakter meiner Hauptfigur, erkennt er den Konflikt, versteht er die Zusammenhänge? Meine eigene Erfahrung hat gezeigt, dass es nicht immer so ist.

Diese Wartezeit habe ich dazu genutzt, mich mit meinem nächsten Projekt zu beschäftigen, Recherche, Themensammlung, aber auch Schreibratgeber und andere Romane gelesen, und ach ja, einen Brotjob habe ich ja auch noch. 😉
Nachdem ich mithilfe des Exposés einen guten Überblick über meine Romanhandlung hatte, ging es mit neuem Elan an die Überarbeitung.

Mein erster wichtiger Überarbeitungstipp für euch: Lest euer Manuskript auf verschiedenen Medien.

Ich habe zuerst die Rohfassung in eine mobi-Datei umgewandelt, auf meinen Kindle geladen und den ganzen Roman so in einem Rutsch noch mal durchgelesen. Dabei habe ich alles, was mir beim Lesen aufgefallen ist (Rechtschreibung, Grammatik, Logikfehler, fehlende Informationen, unschöne Formulierungen) über die Kindle-Notizfunktion direkt im Dokument abgespeichert. Dieses erste Korrekturlesen sollte relativ zügig innerhalb eines kurzen Zeitraumes erfolgen. Wenn man mehrere Monate oder sogar über ein Jahr an einem Text schreibt, entwickelt man sich als Autor natürlich auch weiter, der Schreibstil verändert und verbessert sich hoffentlich, und auch die Erzählstimme im Roman kann variieren. Beim schnellen Durchlesen fallen Veränderungen in der Erzählstimme besonders stark auf, ich kann mir die Stellen kennzeichnen und dann während der nächsten Überarbeitungsdurchgänge eine einheitliche Erzählstimme erzeugen.
Für die nächsten Überarbeitungsdurchgänge habe ich mein Manuskript ausgedruckt, um nun Szene für Szene durchzugehen. Auf dem Papier hat man übrigens einen erfrischend anderen und neuen Blick auf seinen Text, was ich erst heute wieder bemerkt habe. Ich hatte zufällig meine erste Romanszene in der Hand und habe tatsächlich, nach 3 Überarbeitungsdurchgängen und fünf Testlesern noch einen Rechtschreibfehler entdeckt. 🙂

Und damit bin ich schon bei einem weiteren wichtigen Punkt innerhalb des Überarbeitungsprozesses. Die Testleser!

Bei aller Gründlichkeit und auch sieben bis acht Lesedurchgängen wird man dennoch den Roman niemals komplett aus Sicht des Lesers wahrnehmen können. Die emotionale Bindung an den eigenen Text ist zu groß, um einen objektiven Blick zu behalten. Mir fiel es auf jeden Fall sehr schwer, all mein angeeignetes Wissen rund ums Schreiben optimal auf mein Manuskript anzuwenden. Die einfachsten Fehler habe ich übersehen. Deshalb sind wir auch die Hilfe von Testlesern angewiesen, die unseren Text mit einem unverbrauchten Blick lesen und uns sagen können, an welchen Stellen die Handlung unlogisch ist, die Charaktere zu flach, der Schreibstil zu holprig oder wo sich zu viel Adjektive und Füllwörter tummeln. An dieser Stelle ein dickes Dankeschön an Tanja, für ihre tolle Lektor-Arbeit, ihre Geduld und zahlreichen Ideen und Verbesserungsvorschläge. Auch ein großes Dankeschön an meine anderen Testleser. Euer Feedback gibt mir stets neuen Mut und bestärkt mich darin, weiterzumachen.
Und hier mein zweiter Tipp für euch: Werdet selbst zum Testleser!

Etwa zeitgleich mit mir beendete auch meine liebe Autorenkollegin, Lektorin und Freundin Tanja ihren ersten Roman, sodass ich parallel zur eigenen Überarbeitung auch ihr Manuskript gelesen und lektoriert habe. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass man sein Wissen und angeeignetes Handwerkszeug rund ums Schreiben an einem fremden Text viel effizienter anwenden kann, als am eigenen. Mir fiel es wesentlich leichter überflüssige Adjektive, schwache Verben und Logikfehler in ihrem Text zu lokalisieren, als im eigenen. Und siehe da, diese wunderbare Übung mit einem fremden Roman führte letztendlich dazu, dass ich auch, zumindest teilweise, mit einem objektiveren Blick mein eigenes Manuskript überarbeiten konnte.

Deshalb kann ich nur jedem empfehlen, sucht euch andere Autoren, vielleicht innerhalb einer Schreibgruppe, mit denen ihr gegenseitig eure Texte lektorieren und testlesen könnt. Ein besseres Training für die eigenen Schreibfähigkeiten, gibt es meiner Meinung nach nicht.

Das Expose – Erste Hilfe bei der Überarbeitung

Endlich hielt ich die Rohfassung meines ersten Romanprojektes in der Hand. Ich war stolz, zufrieden und in einem Schaffensrausch. Dementsprechend wollte ich mich direkt in die Überarbeitung des Manuskriptes stürzen, doch irgendetwas bremste mich aus. Ich hatte auf einmal den Zugang zu meinen eigenen geschriebenen Wörtern verloren. Mich überkam das ungute Gefühl, lediglich ein paar sinnlose und zusammenhanglose Szenen geschrieben zu haben, die kein Mensch verstehen wird. Die Handlungen meiner Protagonistin erschienen mir unlogisch und unmotiviert, ich sah keinen Spannungsbogen im Roman und so weiter. Ratlosigkeit und Zweifel machten sich breit und nisteten sich förmlich bei mir häuslich ein. Hatte ich das komplette letzte Jahr mit dem Schreiben eines sinnlosen Textes vergeudet?

Ich hatte viele Stunden mit der Entwicklung meiner Figuren zugebracht, noch mehr Stunden in die Ausarbeitung des Plots gesteckt, von den vielen Wochen, in denen ich die Rohfassung niedergeschrieben habe, ganz zu schweigen.

Nein! Hier war nicht Endstation. Aufgeben und die Flinte ins Korn werfen, kam nicht infrage.

Um mir einen Überblick über meine Romanhandung zu verschaffen, habe ich mich hingesetzt und einen ersten Entwurf für ein Expose geschrieben. Und siehe da, es hat geholfen. Schon während dem Schreiben des Exposes sind mir kleinere Logikfehler im Handlungsablauf aufgefallen. Ich habe danach die Reihenfolge einiger Szenen geändert, so dass die Aktionen und Reaktionen meiner Protagonistin viel glaubhafter geworden sind.

Mein erster Expose-Entwurf ist mit sechs Normseiten zwar zu lang geworden, hat aber fürs Erste seinen Zweck erfüllt. Kürzen kann ich ihn später immer noch. Um ein Expose an einen Verlag zu schicken, sollte es nicht länger als drei bis vier Normseiten sein. Gar nicht so einfach, eine Romanhandlung so weit auf das Wesentliche herunterzubrechen und damit lediglich drei Normseiten zu füllen.

Nachdem ich den Entwurf fertig hatte, habe ich mir außerdem einen Ruck gegeben und ihn an eine liebe Freundin und Testleserin gegeben. (Vielen Dank Tanja :-*) Immerhin war es ja möglich, dass ich eine langweilige und überhaupt nicht spannende Handlung für meinen Roman entwickelt habe. Zu meiner Freude hat der Plot meines Romans den ersten Test überstanden und wurde für spannend befunden.

Im Nachhinhein muss ich feststellen, dass ich das Expose schon viel früher, spätestens nach dem Plotten, hätte schreiben sollen. Denn nur so kann ich feststellen, ob meine Geschichte auch wirklich funktioniert, ob die Handlungen meiner Figuren logisch sind und ob es eine spannende Entwicklung im Roman gibt. Es wäre wirklich verdammt schade, eine nicht funktionierende Handlung erst dann zu bemerken, wenn der ganze Roman fertig geschrieben ist. Für meine zukünftigen Projekte werde ich es deshalb spätestens nach dem Plotten ein erstes Expose schreiben.

Inzwischen bin ich mitten drin in der Phase der Überarbeitung und komme auch gut voran. Jetzt heißt es, nur nicht entmutigen lassen, denn es liegt noch viel Arbeit vor mir, bevor ich meinen Roman auf die ersten Leser loslassen kann.

Damit ich an Tagen, an denen ich überhaupt keine Lust auf Überarbeitung habe, dennoch das Schreiben nicht ganz vernachlässige, habe ich mit dem Plotten meines zweiten Romanprojektes (einen Kurzroman, dessen Rohfassung ich während dem NaNoWriMo schreiben möchte) begonnen und arbeitete zusätzlich zusammen mit einer befreundeten Autorin an einem Kurzgeschichtenband.

 

Nutzt ihr das Expose auch, um euch einen Überblick über die Handlung zu verschaffen, oder schreibt ihr erst ein Expose, wenn ihr einen Verlag anschreiben möchtet?

An wieviel Projekten arbeitet ihr gleichzeitig?