Warum brauche ich Testleser?

Nach langer Zeit möchte ich heute wieder vom Stand meines Romanprojektes berichten. Seit ich die fantastischen vier Buchstaben E N D E unter die Rohfassung gesetzt habe, ist eine Menge passiert. Zunächst einmal habe ich den Text ein paar Wochen ruhen lassen. Das ist wichtig, um Abstand zum Geschriebenen zu bekommen. Direkt nach Fertigstellung der ersten Fassung ist noch alles ganz frisch und bei der Überarbeitung kann es schwierig werden zu unterscheiden, ob wichtige Informationen wirklich auch auf dem Papier stehen, oder sich nur im Kopf des Autors befinden. Wenn man einen Roman schreibt, hat man logischerweise die komplette Story im Kopf, kennt alle Figuren in und auswendig, weiß zu jeder Zeit, welche Hintergründe sich hinter den einzelnen Szenen verbergen. Aber hat man das auch alles so aufgeschrieben, damit der Leser, der nicht in unseren Kopf schauen kann, der Geschichte folgen kann. Bekommt der Leser tatsächlich einen richtigen Eindruck vom Charakter meiner Hauptfigur, erkennt er den Konflikt, versteht er die Zusammenhänge? Meine eigene Erfahrung hat gezeigt, dass es nicht immer so ist.

Diese Wartezeit habe ich dazu genutzt, mich mit meinem nächsten Projekt zu beschäftigen, Recherche, Themensammlung, aber auch Schreibratgeber und andere Romane gelesen, und ach ja, einen Brotjob habe ich ja auch noch. 😉
Nachdem ich mithilfe des Exposés einen guten Überblick über meine Romanhandlung hatte, ging es mit neuem Elan an die Überarbeitung.

Mein erster wichtiger Überarbeitungstipp für euch: Lest euer Manuskript auf verschiedenen Medien.

Ich habe zuerst die Rohfassung in eine mobi-Datei umgewandelt, auf meinen Kindle geladen und den ganzen Roman so in einem Rutsch noch mal durchgelesen. Dabei habe ich alles, was mir beim Lesen aufgefallen ist (Rechtschreibung, Grammatik, Logikfehler, fehlende Informationen, unschöne Formulierungen) über die Kindle-Notizfunktion direkt im Dokument abgespeichert. Dieses erste Korrekturlesen sollte relativ zügig innerhalb eines kurzen Zeitraumes erfolgen. Wenn man mehrere Monate oder sogar über ein Jahr an einem Text schreibt, entwickelt man sich als Autor natürlich auch weiter, der Schreibstil verändert und verbessert sich hoffentlich, und auch die Erzählstimme im Roman kann variieren. Beim schnellen Durchlesen fallen Veränderungen in der Erzählstimme besonders stark auf, ich kann mir die Stellen kennzeichnen und dann während der nächsten Überarbeitungsdurchgänge eine einheitliche Erzählstimme erzeugen.
Für die nächsten Überarbeitungsdurchgänge habe ich mein Manuskript ausgedruckt, um nun Szene für Szene durchzugehen. Auf dem Papier hat man übrigens einen erfrischend anderen und neuen Blick auf seinen Text, was ich erst heute wieder bemerkt habe. Ich hatte zufällig meine erste Romanszene in der Hand und habe tatsächlich, nach 3 Überarbeitungsdurchgängen und fünf Testlesern noch einen Rechtschreibfehler entdeckt. 🙂

Und damit bin ich schon bei einem weiteren wichtigen Punkt innerhalb des Überarbeitungsprozesses. Die Testleser!

Bei aller Gründlichkeit und auch sieben bis acht Lesedurchgängen wird man dennoch den Roman niemals komplett aus Sicht des Lesers wahrnehmen können. Die emotionale Bindung an den eigenen Text ist zu groß, um einen objektiven Blick zu behalten. Mir fiel es auf jeden Fall sehr schwer, all mein angeeignetes Wissen rund ums Schreiben optimal auf mein Manuskript anzuwenden. Die einfachsten Fehler habe ich übersehen. Deshalb sind wir auch die Hilfe von Testlesern angewiesen, die unseren Text mit einem unverbrauchten Blick lesen und uns sagen können, an welchen Stellen die Handlung unlogisch ist, die Charaktere zu flach, der Schreibstil zu holprig oder wo sich zu viel Adjektive und Füllwörter tummeln. An dieser Stelle ein dickes Dankeschön an Tanja, für ihre tolle Lektor-Arbeit, ihre Geduld und zahlreichen Ideen und Verbesserungsvorschläge. Auch ein großes Dankeschön an meine anderen Testleser. Euer Feedback gibt mir stets neuen Mut und bestärkt mich darin, weiterzumachen.
Und hier mein zweiter Tipp für euch: Werdet selbst zum Testleser!

Etwa zeitgleich mit mir beendete auch meine liebe Autorenkollegin, Lektorin und Freundin Tanja ihren ersten Roman, sodass ich parallel zur eigenen Überarbeitung auch ihr Manuskript gelesen und lektoriert habe. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass man sein Wissen und angeeignetes Handwerkszeug rund ums Schreiben an einem fremden Text viel effizienter anwenden kann, als am eigenen. Mir fiel es wesentlich leichter überflüssige Adjektive, schwache Verben und Logikfehler in ihrem Text zu lokalisieren, als im eigenen. Und siehe da, diese wunderbare Übung mit einem fremden Roman führte letztendlich dazu, dass ich auch, zumindest teilweise, mit einem objektiveren Blick mein eigenes Manuskript überarbeiten konnte.

Deshalb kann ich nur jedem empfehlen, sucht euch andere Autoren, vielleicht innerhalb einer Schreibgruppe, mit denen ihr gegenseitig eure Texte lektorieren und testlesen könnt. Ein besseres Training für die eigenen Schreibfähigkeiten, gibt es meiner Meinung nach nicht.

Die vier magischen Buchstaben – E N D E

Wisst ihr, wie man sich fühlt, wenn man zum allerersten Mal diese vier Buchstaben E N D E unter sein Romanmanuskript schreiben kann? Ich weiß es seit ungefähr einer halben Stunde.

Großartig, berauschend, erleichtert, glücklich und vor allem stolz. Nach dem wochenlangen Schreibmarathon habe ich heute die Rohfassung meines ersten Romans fertig geschrieben. Das waren fantastische Wochen, in denen ich gemeinsam mit meinen Romanfiguren ihre Geschichte entdeckt habe und mich zeitweise einem regelrechten Schreibflow hingeben konnte.

Aber nicht immer lief es so gut. An manchen Tagen war es eine echte Herausforderung, mein Tageswortziel zu erreichen. Das waren die Tage, an denen ich mehr als einmal an mir gezweifelt habe. Solchen Zweifeln darf man jedoch nicht zu viel Raum geben, damit sie sich auf keinen Fall häuslich einrichten.

Deshalb habe ich mir immer wieder gesagt, dass ich im Moment “nur” die Rohfassung schreibe. Eine Fassung des Romans, die einzig und allein für mich und für niemanden sonst bestimmt ist. Diese erste Fassung darf schlecht und holprig sein und ohne diese erste Fassung gibt es kein Material zum Überarbeiten, nichts woran man herumfeilen und schleifen kann. Das hat mir den nötigen Mut gegeben, weiter zu schreiben, ohne groß über das Geschriebene nachzudenken.

Die letzten acht oder neun Szenen waren jedoch eine richtige Herausforderung für mich. Der Schreibprozess wurde immer zäher und ich kam jeden Tag langsamer voran. Erst während der letzten beiden Szenen kam der Schreibflow zurück und ich konnte sie in einem Rutsch runterschreiben.

Die eigentliche Arbeit beginnt allerdings erst jetzt: Das Überarbeiten des Manuskriptes. Der kreative Teil des Romanschreibens ist nun abgeschlossen und ich gehe in ein paar Tagen zum analytischen Teil über. Dann heißt es, aus diesem ungeschliffenen Felsbrocken einen lesbaren Roman zu meißeln.

Ich habe mir während dem Schreiben der Rohfassung bereits jede Menge Notizen gemacht, was ich zum Beispiel noch nachrecherchieren muss, an welchen Stellen ich die Handlung geändert habe und wo mir bereits logische Fehler, über die ich noch einmal nachgrübeln muss, aufgefallen sind.

Aber jetzt wird erst einmal ordentlich gefeiert!